Prof. Dr. Dr.-Ing. h.c. Gottfried Kiesow
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz
Durch die Finanznot von Bund, Ländern und Gemeinden ist auch die Erhaltung der Baudenkmale in eine gefährliche Krise geraten. Einige Landesregierungen stellen inzwischen gar die Existenz von Denkmalpflege in Frage. Da wird Druck auf die Denkmalfachbehörden ausgeübt, Denkmäler aus der Schutzliste zu streichen, oder manche Politiker arbeiten gleich an Novellierungen der Denkmalschutzgesetze, um den Einfluss der unbequemen Mahner zu minimieren.
Die stetige Reduzierung der öffentlichen Mittel für Baudenkmale hat aber inzwischen neben dem Verlust von wertvoller Bausubstanz noch einen folgenreichen, dramatischen Nebeneffekt: Die Existenz all jener spezialisierten und hoch qualifizierten Handwerksbetriebe, Architekten und Restauratoren sowie der Hersteller von denkmalgerechten Baustoffen wird gefährdet. Ihnen fehlen Aufträge, sie müssen Mitarbeiter entlassen.
In dieser Situation werden private Initiativen, wie etwa die Deutsche Stiftung Denkmalschutz immer stärker als Retter in der Not in Anspruch genommen. Das hohe Spendenaufkommen in der Denkmalpflege beruht auf dem Verantwortungsgefühl und Kulturbewusstsein des mittelständischen Bürgertums. Trotz der enormen Aktivitäten von Stiftungen, Fördervereinen, Initiativen und Einzelaktivitäten können und wollen private Institutionen nicht die Ausfälle der öffentlichen Haushaltsmittel ersetzen. Sie müssen und sollen vielmehr Anstöße geben, die öffentliche Hand in Zugzwang bringen und konstruktive Partnerschaften initiieren.
Beim denkmalpflegerischen Nachholbedarf in den östlichen Ländern können wir mit Genugtuung vermerken, dass dank des privaten Engagements und in den zurückliegenden Jahren erheblichen öffentlichen Gelder nahezu die Hälfte aufgeholt haben. Zugleich ist aber in den westlichen Ländern ein neuer Rückstand an Maßnahmen zur laufenden Unterhaltung der Baudenkmäler entstanden. Daher sollte das in den östlichen Ländern seit 1991 so sehr bewährte Programm "Städtebaulicher Denkmalschutz" auf die westlichen Länder ausgedehnt werden. Dies wäre zugleich ein ausgezeichnetes Programm zur Sicherung der Arbeitsplätze im Baugewerbe.
Die Bedeutung des Denkmalschutzes im Bewusstsein der Gesellschaft zu stärken, ist gerade in unserer Zeit von existentieller Bedeutung. Die vielen Aufgaben des Staates, von der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit bis zu den Soziallasten und der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten, haben seinen finanziellen Handlungsspielraum sehr begrenzt. So ist er auch nicht mehr in der Lage, die Leistungen früherer Jahre zu erbringen: Alle Bürger, die wirtschaftlichen Unternehmen, die privaten Institutionen und der Staat tragen heute gemeinsam Verantwortung für die Zukunft. An sie alle richtet sich daher der Appell, sich für den Erhalt unseres überlieferten baulichen Erbes einzusetzen.
Denn wie der Mensch Schaden nimmt, wenn er seine natürliche Umwelt zerstört, so gilt Gleiches auch für seine gebaute Umwelt. Wer die Individualität der historisch gewachsenen Ortsbilder zerstört und ihnen die Identität nimmt, der greift damit auch empfindlich in seinen eigenen Lebensraum ein. Zu Recht darf daher der Denkmalschutz für sich den Rang kulturellen Umweltschutzes beanspruchen. Nicht ohne Grund hat der Europarat 1993 in seiner Abschlusserklärung in Wien der Wahrung des kulturellen Erbes eine Bedeutung beigemessen, die den Menschenrechten nahe kommt.
In diesem Sinne bat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz auch in schwierigen Haushaltszeiten auf eine konstruktive Partnerschaft zwischen öffentlicher Hand, Wirtschaft und privater Initiative, wenn es darum geht, das Erbe der nachfolgenden Generationen zu erhalten.
Initiativen wie das Denkmal-Netzwerk sind bei der Schaffung von Partnerschaften ein wichtiger Baustein.